
Ich habe sehr oft den Fehler gesehen, dass man eine Liste von Diskriminierungsformen erstellt und dabei Klassizismus statt Klassismus schreibt, sogar für meine Word-Datei zu diesem Text ist das Wort ein Tippfehler. Man muss nicht viel recherchieren, um die Gründe dafür zu verstehen. Meines Erachtens wird das Wort nicht so oft benutzt.
Klassismus: Diskriminierung oder Vorurteile gegenüber einer Person oder Personen aufgrund einer [vermuteten] Zugehörigkeit zu oder Herkunft aus einer bestimmten [niedrigeren] sozialen Klasse[1]
Kunsthochschulen sind ein Hotspot für Klassismus, doch es kann schwierig sein, bestimmte Situationen zu benennen, weil viele Codes über Jahre hinweg normalisiert worden sind und nicht als Diskriminierung adressiert werden können, ohne dass man als Killjoy[2] gilt. Ich schreibe diesen Artikel in der Tradition der Selbst-Ethnographie, ich habe Szenisches Schreiben abgeschlossen, und meine Erfahrungen sind stark im Literaturbereich und in den darstellenden Künsten verankert. Ich schreibe, um euch auch zu ermutigen, Killjoys zu werden und Klassismus an der UdK und im Theaterbereich besser zu erkennen und zu bekämpfen und meritokratische Diskurse zu hinterfragen.
Ökonomische Zugänglichkeit, Erasure und Fetischisierung
Während meines Studiums musste ich viel mit Wut umgehen. Wut darüber, dass Menschen mir Sätze gesagt haben wie: „Wähl das Foto lieber nicht. Da siehst du wie eine Kindergärtnerin aus“, nachdem ich Fotos aus meinem Autor*innenportfolio gezeigt hatte. Kann man nicht beides sein? Und was wäre daran schlimm? Hatte meine Mutter keinen Stil, als sie als Kindergärtnerin gearbeitet hat? Doch. Oder Aussagen wie: „Oh, du bist ja so reich!“, nachdem ich einer Person mein Kontoauszug mit Bafög-Ersparnissen aus Versehen gezeigt hatte – einer Person, die nicht arbeiten musste und keine Miete selbst zahlen musste, weil die Eltern dafür gesorgt haben. Ich hatte das Privileg als EU-Mitglied, Bafög zu beziehen, allerdings musste ich als Person ohne deutsche Staatsbürgerschaft beweisen, dass ich während des Studiums mindestens 12 Stunden pro Woche gearbeitet habe. Ja, wenn man für das Leben arbeiten muss, muss man auch sparen, wenn es überhaupt möglich ist. Ich dachte, das wüssten alle. Aber vielleicht, wenn man nur Geld von den Eltern überwiesen bekommt, ist es nicht so. Wenn man nicht Angst hat, Bafög-Schulden zurückzahlen zu müssen. Manchmal sind Werte und Dynamiken, die ich als “selbstverständlich” wahrnehme, eigentlich klassenbedingt. Meine Wut hat sich inzwischen in Traurigkeit verwandelt, weil ich gemerkt habe, dass man sich über diese Themen kaum unterhält. Oft weiß man einfach nichts über die Lebensrealitäten anderer Menschen.
Sehr oft werden an der Uni (Kooperations-)Projekte angekündigt – spannende, gut gemeinte Projekte, für die man sich manchmal bewerben muss. Eine Bewerbung, in die viel Arbeit fließt, Arbeit, die am Ende möglicherweise umsonst ist. Die Zeit für diese Bewerbungen ist im Stundenplan jedoch nie mitgedacht. Das ist an sich schon problematisch, wird aber oft hingenommen, da die UdK Berlin ohnehin den Ruf hat, eine Universität zu sein, an der es extrem schwierig ist, etwas anderes neben dem Studium zu machen (z. B regulärer Lohnarbeit nachzugehen), an der sich Studierende zu 100 % der Kunst widmen können. Darüber hinaus ist das größte Problem meiner Meinung nach, dass viele Projekte keine klare ökonomische Zugänglichkeit haben. Wenn es um Reisen geht: Werden die Kosten erstattet? Wenn ja, wann? Müssen Rechnungen vorgestreckt werden? Wann weiß ich, ob ich Ferien beantragen muss, falls ich ortsgebunden bin? Sehr oft kommen diese Informationen zu spät, als wären sie nur eine zusätzliche organisatorische Randnotiz und keine Form von Zugänglichkeit. Natürlich liegt das manchmal daran, dass Förderungen erst spät bestätigt werden. Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Wer leidet darunter?
Wenn die ökonomische Zugänglichkeit von Projekten an der Universität oder von Ausschreibungen mit Kooperationspartner*innen nicht transparent ist, werden klassenbedingte Ausschlüsse produziert. Diese Problematiken werden jedoch nicht von der Mehrheit erlebt, und über Geld zu sprechen gilt schnell als unhöflicher Killjoy. Dadurch findet häufig Erasure statt, weil sich betroffene Menschen nicht trauen, etwas zu sagen. Wenn man dennoch etwas anspricht, gilt man entweder als unsympathisch und wird kleingeredet, oder man wird zum Teil fetischisiert. Während meiner Zeit an der UdK habe ich viel Armutscosplay und Saviourism[3]gesehen. Mit Fetischisierung meine ich, wenn eine bestimmte Person immer dann angeschaut oder angesprochen wird, wenn es um Geld geht. Wenn die Privatsphäre der Person zur Diversity-Erfahrung übersetzt wird. Die Zugänglichkeit eines Projekts sollte von der gesamten Gruppe mitgedacht werden, nicht nur von den Betroffenen. Zugänglichkeit muss Teil eines Projekts sein und nicht nur für Virtue Signaling[4] ausgenutzt werden.
Geschmacksdiskurs und Habitus
Eine weitere Form, Klassismus zu erzeugen – ohne dass dies unbedingt beabsichtigt ist, denn mein Punkt hier ist Institutionskritik – besteht darin, elitäre Netzwerke zu reproduzieren. Jobs bekommt eine Person zum Beispiel, wenn sie zu bestimmten Premieren geht, die einen teuren Eintrittspreis verlangen oder wenn sie an bestimmten Veranstaltungen außerhalb von Berlin teilnimmt. Auch wenn diese Netzwerke sich nach außen als zugänglich präsentieren, gibt es darin einen Habitus[5], der weniger zugänglich ist. Und es braucht sowohl Geld als auch Zeit. Wie lange muss jemand mit Ferienwohnungen-Problemen empathisieren, um einen Job im Staatstheater zu bekommen? In solchen Momenten habe ich bemerkt, dass mir in Deutschland nicht nur Vitamin D fehlt, sondern auch Vitamin B.
Als migrantische Person der ersten Generation klingt es zunächst gut, die „richtigen“ Menschen endlich durch Talent oder Tokenism[6] zu erreichen. Gleichzeitig fühlt sich das politisch schief an. Warum bin ich jetzt hier? Wegen meiner Kunst oder meiner Identität? Welche Privilegien haben mich hierher gebracht? Warum fühle ich mich trotzdem fehl am Platz?
Was sehr viele Aufstiegsbiographien im Kunstbereich verbindet, ist die Enttäuschung, wenn symbolische Macht sich nicht direkt in ökonomische Macht verwandelt. Die UdK ist mehr oder weniger demokratisch, wenn es um symbolische Macht geht. Ein UdK-Abschluss öffnet viele Türen, aber wie viele Türen können nachhaltig offen bleiben, wenn man nicht schon vorher ökonomische Sicherheit hatte?
Nachdem ich ja nun meine aufstiegsbiografische Position geoutet habe, komme ich zum nächsten Punkt: Geschmack. Geschmack ist unter anderem klassenbedingt. Er funktioniert subtil. Aber wenn wir ökonomische Zugänglichkeiten im Kunst- und Theaterbereich transparent machen, werden wir zwangsläufig mit einem Geschmacksdiskurs konfrontiert. Hier ließe sich der häufige Rechtschreibfehler tatsächlich produktiv wenden: Klassizismus. Wer entscheidet was zum Klassiker wird? Es gibt bestimmte ästhetische Setzungen – Mischungen aus Themen und Formen –, die bei einigen Klassen sehr gut ankommen und bei anderen kaum. Zum Beispiel ertrage ich kaum Texte in denen die Arbeiter*innen Klasse romantisiert wird oder mit der Armutsklasse gleichgesetzt wird und habe zudem manchmal das Gefühl, dass einige Texte “realitätsfern” in mir wirken, wobei sie realistisch sein sollten. Welche Klasse ist für die Preiskultur zuständig? Welche Narrative gehen immer weiter? Habitus beinhaltet auch Geschmack. Natürlich gibt es Ausnahmen aber wenn man sich die Statistiken von Arbeiter*innenkindern anschaut, sieht man dass sie es z. B. nicht zu oft in den Kulturbereich schaffen. Geschmack ist natürlich nicht nur Klasse, aber wenn ein bestimmter Geschmack eine große Mehrheit in Machtpositionen hat, sollte man das im Studium zumindest thematisieren. Geschmacks-Diskursen waren aber komplett abwesend, nur Angst vor Aneignung war sehr oft im Raum.
Dogmatische Identitätspolitik und Repräsentation
Was mir in Bezug auf Klassismus an der UdK Berlin besonders auffällt, ist, dass problematische, direkt klassistische Aussagen oft von Personen, die vorgeben sich intensiv mit dekolonialen und machtkritischen Diskursen auseinandergesetzt zu haben. Viele lernen Diskriminierungsformen ausschließlich theoretisch und verwenden bestimmte Paradigmen als starre Dogmen statt als Instrumente. Eine kleine Anekdote dazu:
Ich schreibe eine autofiktionale Szene über Erschöpfung und Klassenerfahrung an der Universität – ja, das ist momentan ein bisschen mein Fokus– und wir suchen ein Team für eine kleine Werkstattinszenierung. Abends bekomme ich einen Anruf und mir wird mitgeteilt, dass die Person, die die Rolle spielen könnte, keine Migrantin sei. Damit habe ich kein Problem und freue mich auf die Proben. Weniger freue ich mich darüber, dass ich gebeten werde, den Text zu kürzen (Kürzungen sind für Schriftsteller*innen immer schmerzhaft, egal ob im Text oder auf finanzieller Ebene in der Kulturpolitik). Ich stimme trotzdem zu und streiche die Teile über Sprachschwierigkeiten und das Thema Migration. Ich entscheide mich selbst dafür, um weniger Stress zu haben und zu verursachen. Übrig bleibt ein Text über Erschöpfung. Ich schlage vor, stärker die ökonomischen Bedingungen zu inszenieren, und höre folgende Antwort:
„Ja, aber wir können keine Unterdrückung zeigen, wir haben keine Schwarze Person auf der Bühne.“ Da der Monolog autofiktional ist, antworte ich spontan: „Ich bin auch nicht Schwarz aber ich erlebe die Unterdrückung!“ – „Ja, du!“. Für mich war die erste Antwort rassistisch, auch wenn sie aus der Idee heraus entstanden ist, keine Aneignung von Unterdrückung zu betreiben. Warum durfte nur ein schwarzer Körper Unterdrückung auf die Bühne bringen und warum könnte nicht ein schwarzer Körper einfach dort sein wenn race kein Thema ist?
Mir ist wichtig zu betonen, dass ich weiß bin. Ich erfahre keinen Rassismus, und ich halte es für zentral, die analytische Schärfe dieser Begriffe zu bewahren. Was im Text auf der Bühne beschrieben wurde, war eine Klassenerfahrung, die auch die weiße deutsche Arbeiterklasse widerspiegeln könnte. Im Raum existierte jedoch nur ein sehr binärer Schwarz-Weiß-Diskurs, der weit entfernt war von Klassenbewusstsein oder materialistischer Analyse.
Ich verstehe, dass sich die darstellenden Künste intensiv mit Repräsentation beschäftigen müssen. Dennoch ergibt es keinen Sinn, Identitätspolitik auf diese Weise zu verwenden. Ich war die migrantische Person im Raum, und deshalb konnte niemand meine Geschichte adäquat spielen. Woher kommt diese Angst? Warum? Wer profitiert davon?
Es stimmt, dass Rassismus und Klassismus sehr oft zusammengehen und ein bisschen so wie ein toxisches Liebespaar funktionieren, aber sie existieren auch unabhängig voneinander. Es ist wichtig, Diskriminierungsformen intersektional zu denken, aber es ist auch wichtig, die Phänomene unabhängig voneinander betrachten zu können. Ich bin der Meinung, dass es nicht nur machbar, sondern auch notwendig und dringend ist. Nur mit den richtigen Instrumenten können wir hegemonische Diskurse hinterfragen, andere Perspektiven sichtbar machen und echte critical diversity fördern. Es gehört zur Antidiskriminierungsarbeit. Die UdK Berlin braucht mehr Killjoys und einen internen, kollektiven Abbau von diskriminierenden und ausschließenden Strukturen, die derzeit für Viele nicht einmal sichtbar sind. Das können und dürfen sich nicht allein die betroffenen Menschen leisten. Ich beende diesen Artikel mit einer letzten Anekdote, die eine Art Zusammenfassung ist.
Einmal hatten wir einen Workshop, zu dem ich einen Text mitgebracht hatte, der erneut autofiktional war (ja, vielleicht muss ich damit irgendwann aufhören, um weniger Stress zu haben). Meine Erfahrungen mit dem Putzen als Au-pair mit Stauballergie hatte ich in eine Figur übersetzt, die als Reinigungskraft arbeitet. Eine bekannte Künstler*in, die den Workshop leitete, deutete immer wieder an, es handle sich dabei um eine Form von Klassenaneignung. Ich ignorierte diese Provokationen, bis die Person sagte: „Ich habe eine Freundin, die als Reinigungskraft arbeitet – was würde sie über deine Texte denken?“ Ich wollte mich nicht als Arbeiterklasse outen, ich wollte meine Biographie nicht rechtfertigen. Doch genau darum geht es: das Image der UdK: ein Ort für rich kids. Ein Ort, wo einige Menschen sich nicht einmal vorstellen können, dass Studierende gleichzeitig putzen und schreiben können, oder dass sich eine Person aufstiegsbiografisch bewegt hat. Ein Ort für rich kids.
Das stimmt aber nicht immer, es gibt sehr viele unterschiedliche Realitäten, die jedoch sehr leise sind. Es ist Zeit sie sichtbar zu machen und meritokratische Diskurse tief zu hinterfragen. Das ist momentan besonders wichtig weil Kultur immer mehr gekürzt wird und Kürzungen schaffen schwierigere ökonomische Bedingungen, die Antiklassismus noch dringender machen. Wir müssen Antiklassismus zum festen Kanon der UdK machen, nur dann können wir vielleicht das Wort Klassizismus neutral nutzen. Gerade können wir uns das nicht leisten.
[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Klassismus
[2] Der Begriff der „feminist killjoy“ geht auf Sara Ahmed zurück und bezeichnet eine Person, die durch das Benennen von Diskriminierung soziale Harmonie stört und dadurch Machtverhältnisse sichtbar macht
[3] Saviorismus bedeutet, jemandem auf eine eigennützige Weise zu helfen.
[4] bezeichnet das demonstrative Zur-Schau-Stellen moralischer Werte oder politischer Haltungen, vor allem mit dem Ziel, von anderen als moralisch gut oder sozial engagiert wahrgenommen zu werden – oft ohne entsprechendes Handeln im Hintergrund.
[5] bezeichnet ein System verinnerlichter Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, das Menschen im Laufe ihrer Sozialisation erwerben und das ihr Verhalten, ihren Geschmack und ihre Einstellungen prägt. Besonders geprägt wurde der Begriff von Pierre Bourdieu.
[6] bezeichnet die Praxis, einzelne Personen aus marginalisierten oder unterrepräsentierten Gruppen symbolisch einzubeziehen, um den Anschein von Vielfalt oder Gleichberechtigung zu erwecken – ohne jedoch echte strukturelle Veränderungen vorzunehmen oder diesen Personen tatsächlichen Einfluss zu geben. Das Konzept stammt von der Soziologin Rosabeth Moss Kanter.