Eine Policy für wirkliche Chancen

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Im Hochschulvertrag mit dem Senat Berlin wurde 2016 festgelegt, dass alle Universitäten eine Diversity Policy erarbeiten müssen. Durch sie soll sichergestellt werden, dass an Universitäten ein wertschätzender Umgang mit Diversity gepflegt und Diskriminierungen jeglicher Form entgegengewirkt wird. An der Universität der Künste in Berlin ging der Auftrag zur Erarbeitung der Policy für die Hochschule an die Ständige Kommission für Chancengleichheit. Die Mitglieder Tashy Endres, Maja Figge und Claudia Hummel erzählen im Interview von den Zielen und Herausforderungen dabei.

Annina Bachmeier

Wie geht ihr vor, um die Diversity Policy für die UdK zu erarbeiten? 

TASHY ENDRES

Wir haben uns innerhalb der Kommission für Chancengleichheit zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, der AG Critical Diversity, um den Prozess gezielt und konzentriert voranzubringen. Ihr gehören neben Claudia Hummel, Maja Figge und mir Mathilde ter Heinje, Samara Hammud, Katrin Köppert und Anne Merle Krafeld an. In dieser AG Critical Diversity haben wir in Bezug auf die Policy recherchiert, wie die Policies anderer Universitäten aussehen und daraus einen Anfangsfahrplan erarbeitet. Uns ist aufgefallen, dass es beim Thema Perspektivenvielfalt vor allem wichtig ist, herauszufinden, welchen Bedarf es an der UdK überhaupt gibt. Wir wollen das als hochschulweiten kollektiven Prozess gestalten. Das Thema soll an der Uni in Gesprächen und Diskussionen erörtert werden, so können wir am besten die Bedarfe in den verschiedenen Statusgruppen und  Fachbereichen herausfinden und die Problemfelder gezielt benennen. 

MAJA FIGGE

Gleichzeitig ist uns wichtig, dass das Thema Diversität und Antidiskriminierung mit der Policy eine Öffentlichkeit und Sensibilisierung erreicht, damit mehr Menschen als nur die Betroffenen darüber reden. Wir haben uns an der UdK mit vielen Menschen vernetzt, die sich mit diesen Themen beschäftigen, unter Anderem dem International Office, dem Studium Generale, der Frauenbeauftragten, der Projektgruppe Intersectional Matter, dem AStA Referat für Interkulturelles und Antidiskriminierung. Mit Ihnen zusammen haben wir einen Rat für Vielfalt und Gleichberechtigung an der UdK gegründet.

Annina Bachmeier

Gibt es konkrete Umsetzungspläne, damit die Inhalte der Policy wirklich in der Universität ankommen und nicht nur Worte auf einem Papier bleiben?

TASHY ENDRES

Gerade haben wir noch keinen kompletten Überblick, über das, was gebraucht wird. Da gibt es noch Lücken, die wir in Gesprächen, vor allem mit den möglichen diskriminierten Gruppen selbst, schließen müssen. Es handelt sich zum Beispiel um Fragen wie: haben Trans-Studierende eine selbstverständliche Zugänglichkeit für die gesamte Universität? Wie viele Professor*innen mit Arbeiter*innenhintergrund gibt es eigentlich an der Universität? Oder wie können Hürden für Studierende abgebaut werden, deren erste Sprache nicht Deutsch ist. 

Für uns geht es um Diversität, damit meinen wir aber nicht einen unkritischen “bunten Kessel”oder Management-Konzepte, sondern das Erkennen und Benennen struktureller Diskriminierungen und das Entwickeln von gezielten Maßnahmen dagegen. Als eine konkrete Maßnahme wäre es unserer Überlegung nach sinnvoll, eine Beratungsstelle für Antidiskriminierung einzurichten, an die man sich bei Problemen und Diskriminierungserfahrungen an der UdK wenden kann.

CLAUDIA HUMMEL

Man muss auch bedenken, das wir uns an der UdK als Kunsthochschule, bewusst sein müssen, dass neben den verschiedenen  Dimensionen wie Gender, Trans-/Intersexualität, Rassifizierung, sexuelle Identität, Klasse, soziale Herkunft, Behinderung, Alter, Religion, Weltanschauung und Intersektionalität, auch noch weitere Ausschlussmechanismen hinzukommen können. Unreflektierte Kunst- oder Bildungsbegriffe zum Beispiel, die identifiziert werden müssen.

Annina Bachmeier

Was kann man sich unter einem unreflektierten Einsatz von Kunstbegriffen vorstellen? 

CLAUDIA HUMMEL

In der Schweiz gibt es die Studie Art School Differences. An drei Schweizer Kunsthochschulen wurde erforscht, welche Diskriminierungsformen an den Kunsthochschulen eine Rolle spielen können. In Bezug zu Aufnahmeprüfungen für Musikstudien hat sich beispielsweise herausgestellt, dass Menschen, die in einem musikalischen Raum aufgewachsen sind, in dem man sich nicht, wie in Europa, an der Zwölftonleiter orientiert, viel leichter durch die Prüfungen für Gehörbildung fallen, weil sie sich musikalisch in einem anderen Kontext bewegen. Sie können dafür Vierteltöne hören, die viele Europäer*innen nicht gelernt haben zu hören. Da taucht eine eurozentristische Idee von Fähigkeit im Bereich Musik auf, die für alle Leute, die in einem anderen musikalischen Raum als dem europäischen sozialisiert wurden, diskriminierend ist. 

MAJA FIGGE

Allgemein sind diese Aufnahmeverfahren an den Kunsthochschulen von einem Begabungsbegriff geprägt, der von eurozentrischen Grundsätzen und Vorstellungen ausgeht, die nicht immer hinterfragt werden. Wie und auf welcher Grundlage soll gemessen werden, wer begabt ist und wer nicht? Dadurch würden in Zukunft die Aufnahmeprozesse vielleicht neu gestaltet werden.

Annina Bachmeier

Welche Ansätze gibt es, um Personen aus minorisierten Gruppen zu erreichen, denen es oft an Selbstbewusstsein fehlt, sich an Kunsthochschulen wie der UdK überhaupt zu bewerben? 

CLAUDIA HUMMEL

Dabei spielt der Auftritt der UdK nach außen eine große Rolle. Wo taucht die UdK auf, in welchem Kontext, welcher Bild- und Sprachpolitik bedient sie sich bei ihrem Auftritt. In welchen Räumen finden Begegnungen statt, wie und wo können Schüler*innen erfahren, dass man an der UdK studieren kann. Das muss in den Maßnahmen für Diversität noch weiter ausgebaut werden. 

TASHY ENDRES

Die Kommunikation nach außen und damit das Anziehen diverserer Bewerber*innen muss mit einem diskriminierungssensiblen und immer wieder neu zu reflektierenden Auswahlverfahren einhergehen. Wenn wir Leuten vermitteln, dass sie Chancen haben, der Auswahlprozess aber nicht die entwickelten Grundsätze aus der Policy Struktur übernimmt, ist das auch wieder problematisch. 

MAJA FIGGE

Es ist wichtig, dass bei den Lehrenden, Professor*innen und wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter*innen eine aktivere Suche nach einer inklusiveren Einstellungspolitik stattfindet. Sodass die Studierenden überhaupt Leute haben, mit denen sie sich identifizieren können, die ihre eigene Geschichte repräsentieren. Ziel wäre, dass sich die gesamte Gesellschaft in der Kunsthochschule widerspiegelt, nicht nur ein kleiner privilegierter Teil.



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Negative assessment of body and mind due to abilities and skills. An evaluation pattern based on a supposed biological (physical and / or mental) norm.

Discrimination e.g. in everyday life and law based on unequal power relationships between adults, children, adolescents and young people.

Skills and abilities are questioned and rated due to ones age.

The General Equal Treatment Act (AGG) is the uniform central body of regulations in Germany for the implementation of four European anti-discrimination directives. For the first time, a law was created in Germany that comprehensively regulates protection against discrimination.

Imagination of a gender system that consists of only two categories, male and female. Assignment beyond which is only allowed, if at all, only as a deviation from the norm – hides the following: gender, sex, desire, performance.

Cis or cis-gender refers to people who identify with the gender assigned to them at birth. If this were not named, trans * would always be marked as the deviation of a given norm.

Differences in values, attitudes, cultural perspective, beliefs, ethnic backgrounds, sexual orientation, gender identity, abilities, knowledge and life experiences of each individual in each group of people should be considered and overcome within the university.

This term focuses on how people observe, (re-)produce and make gender relevant in everyday life.

The concept according to Birgit Rommelspacher assumes that there is a system of hierarchies, rule and power in which the various racist, sexist and other forms of government intertwine. In this interconnectedness, a dominant group has the power, which is socially negotiated again and again.

the personal idea of one‘s own gender and one‘s own gender role. Within society, gender is the concept according to which we classify various ideas such as social status, gender presentation, role in society, life planning and sexuality into the gender categories.

In order to gain a comprehensive understanding of discrimination, its individual forms of discrimination must not be considered independently of each other, as they are interrelated.

Discrimination based on the organisational actions of institutions. Institutional discrimination is not present in society as a whole.

Inter * are persons born with physical characteristics that are medically considered to be „sexually ambiguous“. The generic term Inter * has evolved from the community, and refers to the diversity of intersex realities and physicalities as an emancipatory and identitarian umbrella term.

Culturally argued racism is directed against people who, regardless of whether they actually practice one culture or religion (e.g. Islam, Judaism) and how religious they are. (e.g. anti-Muslim racism (AMR) and anti-Semitism)

Discrimination based on the value of economically and educationally unequally strong classes. This is related to discrimination and stigmatisation based on actual or assumed educational status and social inclusion. Thus, the inferior classes in the hierarchy are problematised and stereotyped.

Describes a displacement of minorities to the social fringe. As a rule, marginalised groups do not correspond to the norm-oriented majority of society and are severely restricted in their ability to act.

Describes the basic assumption that thinking and brain structures function individually. A medical norm and the disease mongering of everything supposedly divergent is called into question.

Is a self-designation to unite people affected by racism and to fight together against power relations such as racism.

In English, ‚queer‘ was used as an insult for a long time. In the meantime, however, the term is usually used positively as a self-designation and describes the breaking out of the two-gender order as well as heteronormative concepts of life.

The conceptual distinction between gender as a biological fact (sex) on the one hand and as a product of cultural and social processes (gender) .

Any form of discrimination against people on the basis of their (attributed or supposed) sex and the ideology underlying these phenomena.

Discrimination based on ones ethnic roots.

A person‘s sexual orientation describes which sex a person feels emotionally, physically and/or sexually attracted to.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (environments and classes), e.g. Educational biography, social inclusion. Values are constructed.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (milieus and classes). e.g. Educational status and social inclusion. Values are constructed.

Discrimination of social subgroups based on the nature of the structure of society as a whole.

A superficial gesture to include minority members. It is intended to create an appearance of inclusion and to divert allegations of discrimination by requiring a person to be representative of a minority.

Reciprocal interactions as a multi-dimensional approach between the university and the non-university environment, which also includes the cultural, social and political dimensions on an equal footing.

„Trans“ is a Latin prefix, meaning beyond and refers to people who do not identify with the gender assigned to them at birth. The self-designation is not an identity feature that automatically indicates whether this person identifies with a different gender, gender or multiple genders. Thus, there are several trans identities.

This term is not a self-designation, but a description of a reality of people who do not experience racism. white is written in small italics and reveals privileges, which are often not named as such. So the term is not about skin shades, but about the visualisation of different access to social resources.