
Kunst kann nicht nur Gegenstand von Forschung sein. Künstlerische Praxis kann selbst Wissen hervorbringen.
Aber von welchem Wissen sprechen wir? Wer wird als wissendes und forschendes Subjekt anerkannt? Welche Erfahrungen, Körper, Materialien und Beziehungen werden Teil eines Forschungsprozesses? Welche Macht steckt in unseren Bildern, Archiven, Technologien und Institutionen? Was bringen die Verfahren, mit denen wir forschen, selbst hervor? Und was verändert sich, wenn wir nicht nur feministisch forschen, sondern Forschung feministisch befragen?
Mit equalACT starten die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und die Universität der Künste Berlin ein gemeinsames Experiment: In acht Sessions und sechs Labs bringt equalACT FLINTA* Künstler*innen und Forschende, Lehrende und Studierende sowie unterschiedliche Wissenspraktiken der Hochschulen zusammen. Sechs Teams arbeiten in künstlerischen Forschungsprojekten mit Film, Archiven, Körpern, Stimmen, Puppen, Technologie und Gaming.
Anfang 2026 haben die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der HfS Ernst Busch und der UdK Berlin equalACT initiiert. Der Ausgangspunkt war ebenso praktisch wie politisch: An beiden Hochschulen gibt es Künstler*innen, Lehrende und Forschende, die seit Jahren an feministischen, queeren, intersektionalen und diskriminierungskritischen Fragen arbeiten – häufig innerhalb der eigenen Disziplinen, Klassen, Werkstätten und Projekte. Dabei zeigen gemeinsame Formate wie Prof*me oder #wessenfreiheit, wie viel Kraft entsteht, wenn wir vorhandene Expertisen, Erfahrungen und Ressourcen bündeln. Genau dafür schafft equalACT eine hochschul- und fächerübergreifende Struktur.
Beim Kick-off im Mai trafen sich FLINTA* aus Lehre und Forschung beider Kunsthochschulen, entwickelten gemeinsame Ideen und bildeten neue Konstellationen. Anfang Juli 2026 hat das Team von equalACT – Susanne Foidl (FGB der HfS), Vanessa Wozny (FGB der UdK), Lorena Boße (Projektkommunikation- & Koordination) und der Projektbeirat mit Charlotte Freundel, Dr. Jenny Fuhr, Dr. Anna Luise Kiss und Anne Renner – die Förderung von sechs künstlerischen Forschungsprojekten mit feministischem Fokus ausgewählt.
Sechs Labs – sechs Ausgangspunkte
COMPLICATING THINGS – Prof. Hannah Perner-Wilson
Gaming, Technik, Feminismus und Machtstrukturen.
Female Pages – Dr. Vanessa Gravenor, Prof. Mathilde ter Heijne, Prof. Hannah Perner-Wilson, Johanna Stapelfeldt, Prof. Susanne Vincenz
Feministische Archivarbeit und nicht-lineare künstlerische Biografien von FLINTA*-Personen.
Reframing NEUE BILDER: Schwarzer Filmschaffender in Deutschland – Prof. Dr. Karina Griffith, Benita Bailey
Hyper(in)visibility Schwarzer Filmemacher*innen im deutschen Kino.
Frauenblock Berlin: Wie schreiben sich emanzipatorische Räume in Körper, Bewegung und Licht ein? – Sabrina Labis, Isabel Robson
Warum schreie ich nicht, obwohl ich schreie? – Magda Lena Schlott, Ada Biljan
Zum Verhältnis von Körper, Stimme und Puppe.
Wort*e von Frauen – Prof. Ulrike Völger, Ada Biljan
Erschließung, Digitalisierung und Kontextualisierung von (Sprech-)Texten jenseits eines männlich dominierten Kanons.
Forschung braucht Beziehungen
Parallel zu den sechs Labs finden acht Sessions statt, in denen ein gemeinsamer Denk- und Arbeitsraum entsteht: Geförderte vernetzen sich mit Gästen aus der künstlerischen Forschung, aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen und feministischer Theorie und Praxis. Es geht um Forschungsfragen und Verfahren, um Positionierung und Verantwortung, um Archive und Kanon, um Netzwerke und Forschungsökologien, um KI und technische Systeme – und immer wieder um die Frage: Was wird durch künstlerische Praxis erfahrbar, sichtbar oder denkbar, dass sich anders vielleicht nicht erschließen würde?
Bei der ersten Session am 9. September gab Gesa Marten, Filmeditorin, Dramaturgin und Professorin an der Filmuniversität Babelsberg, den Auftakt. In ihrem Input sprach sie über Zugänge, Verfahren und aktuelle Diskurse der Künstlerischen Forschung. Gesa Marten beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Künstlerischer Forschung im Film und versteht Montage selbst als Denk- und Forschungsprozess.
Im anschließenden Kolloquium standen die sechs geförderten equalACT-Projekte im Mittelpunkt. Die Teams stellten ihre Vorhaben und ersten Arbeitsstände vor: Sie teilten Fragen und Überlegungen zu ihren jeweiligen Ansätzen und entwickelten im gemeinsamen Gespräch erste Perspektiven für die weitere Arbeit. Welche Fragen treiben sie um, und was ist zu diesem frühen Zeitpunkt noch offen?
Besonders war die große Aufmerksamkeit füreinander. Menschen mit ganz unterschiedlichen künstlerischen und fachlichen Hintergründen fanden einen ganzen Tag zusammen, hörten zu, fragten nach, dachten mit und teilten ihre Erfahrungen. Die Gespräche endeten nicht mit dem Kolloquium, sondern gingen in den Pausen und beim gemeinsamen Essen weiter. Dabei wurde spürbar, wie wichtig die Gestaltung eines solchen Raumes ist. Mit „Raum“ ist hier nicht nur der physische Raum mit Tischen und Stühlen gemeint. Der „Raum“ umfasst genauso Zeit, Aufmerksamkeit, Beziehungen, institutionelle Bedingungen und informelle Gespräche.
Am 29. September geht es weiter! Die zweite Session gestaltet equalACT gemeinsam mit dem Team der Research Ecologies des BAS (UdK Berlin). Im Zentrum steht die Frage: Was braucht künstlerische Forschung, um sich entwickeln zu können – und welche Rolle spielen dabei die Räume, Beziehungen und Strukturen, die wir dafür schaffen? Mit Dr. Lisa Glauer und Dr. Anne Kurr geht es um Forschungszusammenhänge, die nicht beim einzelnen Projekt enden: Wie entstehen Netzwerke und Formen des Austauschs, in denen Unfertiges geteilt, weitergedacht und durch andere Perspektiven in Bewegung gebracht werden kann? Am Nachmittag wird diese Frage an konkreten künstlerischen Forschungen weitergeführt. Ivana Papić, Nilra Zoraloglu und Sonya Schönberger geben Einblicke in ihre Projekte und sprechen über ihre Erfahrungen, Verfahren und die Bedingungen ihrer Arbeit.
Am 28. Oktober teilen Ava Leandra Kleber und Elisa Deutloff unter dem Titel The Lore, Vore and Core of AI-Imagery ihre feministische künstlerische Arbeit mit und an KI Systemen. Wie verändern diese Systeme Bilder und Vorstellungen – und welche Fragen entstehen, wenn ihre Logiken selbst zum Gegenstand künstlerischer Forschung werden?
Bei equalACT fragen wir danach, welche Rolle die eigene Position im Forschungsprozess spielt – und was es für künstlerische Forschung bedeutet, wenn Archive nicht als neutrale Wissensspeicher verstanden werden. Es geht um ein Bewusstsein dafür, dass ein Medium nicht nur etwas zeigt, sondern selbst Bedeutung produziert, dass Beziehungen, Körper, Affekte und Materialien an der Entstehung von Wissen beteiligt sind und dass Nichtwissen nicht ausschließlich als Defizit begriffen wird – genau darin steckt für uns das „make it feminist“ in Artistic Research. Der Slogan ist somit auch eine Aufforderung, die eigenen Verfahren in Bewegung zu bringen.
SESSION DATES
09. September 2026 / Session 1
Künstlerische Forschung – Zugänge, Beispiele und Projektkolloquium
mit GESA MARTEN (Ort: HfS 1.51)
29. September 2026 / Session 2
Research Ecologies 2026 – Projekteinblicke / Kolloquium als kuratierte Ökologie des Zusammenseins
mit DR. LISA GLAUER, DR. ANNE KURR und Berlin Centre for Advanced Studies in Arts and Sciences (BAS)
28. Oktober 2026 / Session 3
The Lore, Vore and Core of AI-Imagery – Künstlerisches Forschen an und mit KI-Systemen
mit AVA LEANDRA KLEBER und ELISA DEUTLOFF
TBA
03. Dezember 2026 / Session 4
20. Januar 2027 / Session 5
03. März 2027 / Session 6
14. April 2027 / Session 7
09. Juni 2027 / Session 8
Ende 2027 (tba) / Symposium
Die Sessions finden jeweils von 10-17 Uhr im bat Studiotheater (Belforter Str. 15, 10405 Berlin) der HfS Ernst Busch statt. Anmeldung über equalact@hfs-berlin.de.
Mehr Termine und Informationen auf www.hfs-berlin.de/aktuelles/equalact/