Rassismuserfahrungen stehen nicht zur Debatte

Oder: Nieder mit dem Advocatus Diaboli

Einer Person of Colour begegnen ein Leben lang weiße Menschen, die auf unterschiedliche Weise über das Thema Rassismus reden wollen. Eine Form, die mir besonders häufig begegnet und durch ihre tückische Beiläufigkeit auffällt, ist eine männlich kodierte Position des Bescheidwissens oder des Mansplainings: genauer die des weißen Mannes, der gerne Advocatus Diaboli, den Anwalt des Teufels, spielt. 

Die Erfahrungen und die Lebensrealität von Betroffenen werden von ihm als rein theoretisches Gedankenexperiment behandelt – denn diese Probleme sind für den Außenstehenden nur theoretisch, nicht realistisch erfassbar. Es macht ihm Spaß, über die Rechte und Existenzen von PoC zu diskutieren: „Lasst uns darüber sprechen, warum euer Existenzkampf diskutabel ist.“ Die tatsächlichen Probleme sind für ihn wie ein Spielball, denn sie betreffen ihn nicht. Er kann es sich leisten, sich munter über Definitionen von Rassismus zu äußern, denn er erfährt die Müdigkeit, die emotionale Arbeit, das Trauma und die Diskriminierung hinter dem Begriff nicht am eigenen Leib.

Rassismus-Debatten werden von ihm aufgegriffen, um die eigene vermeintlich kosmopolitische Fortschrittlichkeit und Belesenheit zur Schau zu stellen. Vielleicht auch, weil er einem „aktuellen Trend“ folgen will. Ohne Bedenken übergeht er die Lebensrealitäten von PoC sowie die gewählten Mittel, mit denen Betroffene ihre Erfahrungen kommunizieren. Aus purer (Schaden-)Freude an der Diskussion wird eine problematische Aussage in den Raum geworfen, nur um sich anschließend unter dem schützenden Mantel von „Zu einer Diskussion gehören auch Gegenmeinungen“, „Das darf man ja wohl noch sagen dürfen!“ und „Meinungsfreiheit“ zu verstecken. Unter diesem Deckmantel liegt die Tücke des Phänomens: Betroffene erkennen den Typus nicht immer sofort, doch lesen die Situation als äußerst unangenehm. Womöglich realisiert man nicht richtig, wieso man sich so herabgewürdigt fühlt. Es ist doch nur eine wissenschaftliche Debatte, alles komplett objektiv – oder?

Dass der Außenstehende am Ende ausweicht, in passiv-aggressive Defensivhaltung verfällt und seine problematischen Aussagen als rein hypothetische oder gar wissenschaftliches Gedankenexperiment bezeichnet, gehört dabei zur gängigen Technik. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass es ihm nie darum geht, zu lernen oder das eigene Wissen zu erweitern. Ganz im Gegenteil: Er will Dinge beim Alten belassen, denn er profitiert vom aktuellen Status Quo. Das Ziel des weißen Mannes in dieser Situation ist es, seine eigene Überlegenheit und Deutungshoheit zur Schau zu stellen. Das Wichtigste ist, dass ihm weiterhin Aufmerksamkeit geschenkt wird. Insbesondere dann, wenn er ausnahmsweise einmal nicht im Zentrum steht. 

Was passiert also, wenn Betroffenen wieder und wieder darauf hinweisen, dass sie von diesen Gedankenexperimenten verletzt werden? Was passiert, wenn sich zahlreiche Stimmen von PoC gegen diese demütigenden Diskussionen erheben?

Leider nur wenig. Uns wird Emotionalität, Empörung und fehlende Empirie vorgeworfen, welche im krassen Gegensatz zur Wissenschaftlichkeit und Rationalität des reinen Beobachters ständen. Wenn wir uns nicht auf eine Fortführung der Gespräche einlassen und keine kostenlose Bildungsarbeit leisten möchten – sei es aus Erschöpfung, Angst, Zeitmangel, fehlenden Ressourcen oder sonstigem Grund –, wird uns vorgeworfen, nicht offen zu sein und keine ertragreichen Diskussionen zu wollen. Die Schuld liegt nie bei demjenigen, der Erfahrungen in Frage stellt, sondern immer bei denjenigen, die sich nicht für die Evidenz ihrer traumatischen Erfahrungen rechtfertigen wollen. Das bringt mich zur Frage: Wie reden wir über und mit Betroffenen?

Ich habe diese Spielchen satt. Wer tatsächlich im Fokus stehen sollte, sind Menschen, die Rassismus erleben. Ihre Erfahrungen und Perspektiven sind viel wertvoller für unsere gesellschaftliche Entwicklung, als es eine polemische Debatte, ob diese Erfahrungen überhaupt real sind, jemals sein könnte.

Christina S. Zhu arbeitet als Illustratorin und studiert im Master an der UdK Berlin. Sie engagiert sich für intersektionale Antidiskriminierung und ist Referentin für Antidiskriminierung des Inneren im AStA, Mitglied der studentischen Initiative I.D.A. und der AG Critical Diversity.



2 Kommentare

  1. Fantastischer Artikel, der sowohl theoretisch fundiert wie auch mit emotionaler Intelligenz besticht. Tatsächlich ist das Bestehen darauf, ein Argument – gerade um
    soziale Phänomene! – nur um „reine Rationalität und reine Objektivität“ bauen zu wollen, eine wahnsinnig veraltete und epistemologisch unüberdurchdachte Weltanschauung, die bereits in den 70ern durch die Writing Culture Debatte kritisiert wurde. Affekttheorie und ein herausarbeiten und anerkennen von Positionalitäten, die durch historische Gegebenheiten und gesellschaftlichen Konventionen geprägt sind (vs. top-down approach ohne Hinterfragen der Biases von den Bestimmungs- und Kontrollinstanzen ) wird nach dem heutigen Stand der Sozialwissenschaften eigentlich gross geschrieben. Der Mensch ist halt nicht ein rein „logisches“ Wesen, bzw. Auch Affekt und Emotionen folgen einer gewissen Systematik und Logik, die man zwingend mit Empathie mit(be)denken muss, wenn man Zugang zu einer kritischen Analyse wünscht – nicht umsonst werden Grundsätze zur Ethik und Empathie in ethnologisch-qualitativen Methoden um Feldforschung und Alltagspraxen als Grundsteine mitgegeben. Rassismus kann und muss man entsprechend schon auch als eine Art von Wissens- und Informationssystem verstehen (siehe Stuart Hall) , aber um sich einen fruchtbaren Umgang damit erarbeiten zu können, ist ein Mitbedenken von historisch/gesellschaftlichen Privilegien und der eigenen Positionalität zwingend von Nöten. Sich dieser Blickökonomien bewusst zu werden, ist ein prozeduales Geschehen, bei dem POC‘s halt wirklich oft die emotionale Aufklärungsarbeit leisten müssen; da kommt man leider nicht drum rum. Die gute Nachricht ist aber, dass bereits vor uns schon sehr viele, wahnsinnig intelligente und kompetente POC’s wie auch weisse Akademiker sich einen Kopf drum gemacht und all das bereits verschriftlicht haben – darum reicht dann manchmal ja schon einen Verweis & eine Leseliste darauf.

  2. extrem guter Text. Ich bin schon vielen Männern dieses Typs begegnet, und kann mir nicht vorstellen, wie viel mehr auslaugend Gespräche mit denen als PoC sein müssen…das schwierige ist, dass man ja auch diese Leute irgendwie überzeugen können muss, aber wie?

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The General Equal Treatment Act (AGG) is the uniform central body of regulations in Germany for the implementation of four European anti-discrimination directives. For the first time, a law was created in Germany that comprehensively regulates protection against discrimination.

Imagination of a gender system that consists of only two categories, male and female. Assignment beyond which is only allowed, if at all, only as a deviation from the norm – hides the following: gender, sex, desire, performance.

Differences in values, attitudes, cultural perspective, beliefs, ethnic backgrounds, sexual orientation, gender identity, abilities, knowledge and life experiences of each individual in each group of people should be considered and overcome within the university.

The concept according to Birgit Rommelspacher assumes that there is a system of hierarchies, rule and power in which the various racist, sexist and other forms of government intertwine. In this interconnectedness, a dominant group has the power, which is socially negotiated again and again.

the personal idea of one‘s own gender and one‘s own gender role. Within society, gender is the concept according to which we classify various ideas such as social status, gender presentation, role in society, life planning and sexuality into the gender categories.

Discrimination based on the organisational actions of institutions. Institutional discrimination is not present in society as a whole.

In order to gain a comprehensive understanding of discrimination, its individual forms of discrimination must not be considered independently of each other, as they are interrelated.

Discrimination based on the value of economically and educationally unequally strong classes. This is related to discrimination and stigmatisation based on actual or assumed educational status and social inclusion. Thus, the inferior classes in the hierarchy are problematised and stereotyped.

Culturally argued racism is directed against people who, regardless of whether they actually practice one culture or religion (e.g. Islam, Judaism) and how religious they are. (e.g. anti-Muslim racism (AMR) and anti-Semitism)

Describes a displacement of minorities to the social fringe. As a rule, marginalised groups do not correspond to the norm-oriented majority of society and are severely restricted in their ability to act.

Describes the basic assumption that thinking and brain structures function individually. A medical norm and the disease mongering of everything supposedly divergent is called into question.

Discrimination based on ones ethnic roots.

The conceptual distinction between gender as a biological fact (sex) on the one hand and as a product of cultural and social processes (gender) .

Any form of discrimination against people on the basis of their (attributed or supposed) sex and the ideology underlying these phenomena.

A person‘s sexual orientation describes which sex a person feels emotionally, physically and/or sexually attracted to.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (environments and classes), e.g. Educational biography, social inclusion. Values are constructed.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (milieus and classes). e.g. Educational status and social inclusion. Values are constructed.

Discrimination of social subgroups based on the nature of the structure of society as a whole.

This term is not a self-designation, but a description of a reality of people who do not experience racism. white is written in small italics and reveals privileges, which are often not named as such. So the term is not about skin shades, but about the visualisation of different access to social resources.

Negative assessment of body and mind due to abilities and skills. An evaluation pattern based on a supposed biological (physical and / or mental) norm.

Discrimination e.g. in everyday life and law based on unequal power relationships between adults, children, adolescents and young people.

Skills and abilities are questioned and rated due to ones age.

Cis or cis-gender refers to people who identify with the gender assigned to them at birth. If this were not named, trans * would always be marked as the deviation of a given norm.

This term focuses on how people observe, (re-)produce and make gender relevant in everyday life.

Inter * are persons born with physical characteristics that are medically considered to be „sexually ambiguous“. The generic term Inter * has evolved from the community, and refers to the diversity of intersex realities and physicalities as an emancipatory and identitarian umbrella term.

Is a self-designation to unite people affected by racism and to fight together against power relations such as racism.

In English, ‚queer‘ was used as an insult for a long time. In the meantime, however, the term is usually used positively as a self-designation and describes the breaking out of the two-gender order as well as heteronormative concepts of life.

Reciprocal interactions as a multi-dimensional approach between the university and the non-university environment, which also includes the cultural, social and political dimensions on an equal footing.

A superficial gesture to include minority members. It is intended to create an appearance of inclusion and to divert allegations of discrimination by requiring a person to be representative of a minority.

„Trans“ is a Latin prefix, meaning beyond and refers to people who do not identify with the gender assigned to them at birth. The self-designation is not an identity feature that automatically indicates whether this person identifies with a different gender, gender or multiple genders. Thus, there are several trans identities.