Für eine (gender)gerechte UdK

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Das allgemein etablierte, binäre Geschlechtersystem geht von der Alleinexistenz zweier klar bestimmbarer Geschlechter – nämlich Männer und Frauen – aus und entspricht damit nicht ansatzweise der eigentlichen menschlichen Vielfalt. Auch die deutsche Sprache spiegelt diese konstruierte Zweigeschlechtlichkeit wider, wenn z. B. von „Studentinnen und Studenten“ oder von „Professorinnen und Professoren“ die Rede ist und macht Frauen und Männer damit gleichermaßen sichtbar. 

Hier muss ich kurz ausholen, denn selbst das ist leider noch längst nicht überall gang und gäbe, war und ist ein andauernder Kampf, um die Sichtbarkeit von Frauen* im deutschen Sprachgebrauch und damit auch in den Bildern, die wir mit Gelesenem und Gehörtem zwangsläufig assoziieren. Auch an unserer Hochschule gibt es noch immer Professor*innen, die konsequent das generische Maskulinum verwenden und damit mehr als die Hälfte ihrer Studierenden nicht ansprechen (von anderen Kämpfen um die Rechte von Frauen* mal ganz zu schweigen; Stichworte Gender Pay Gap oder Frauenanteil in Führungspositionen. Und wie kann es sein, dass Fahrzeuge oft nur mit „männlichen“ Crash-Test-Dummies, Medikamente überwiegend an „männlichen“ Probanden getestet werden und dementsprechend für Frauen* ungleich unsicherer sind?). 

„Immerhin“, möchten wir jetzt vielleicht sagen, „bewegt sich was, zumindest sprachlich.“ Was wir aber nicht vergessen dürfen: Selbst mit diesen Formen und trotz all dieser Diskurse bleiben weiterhin Menschen ausgeschlossen; nämlich all jene, die sich nicht als „Frau“ oder als „Mann“ identifizieren. Das kann trans*, inter* und nichtbinäre Personen betreffen. Die Genderforschung argumentiert schon seit Jahren, dass dieses binäre System nicht mehr haltbar ist und von einer Vielzahl geschlechtlicher Identitäten ausgegangen werden muss. Die Lebensrealitäten aller Geschlechter sollen ausgewogen berücksichtigt, Rollenklischees nicht weiter verfestigt werden. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom September 2017 schließt das auch explizit Geschlechtsidentitäten von inter* und trans* Personen mit ein. Gendersensible Sprache und Inhalte haben die Vision, die gesamte Vielfalt unterschiedlicher Lebensrealitäten selbstverständlich sichtbar zu machen: nicht nur von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sondern auch unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Religion, Herkunft und Hautfarbe. Gendersensible Sprache ist ein weiterer Schritt in Richtung „diversitätssensible“ Welt. 

Die UdK Berlin hat im vergangenen Monat auf gemeinsamen Antrag des StuPa, des AStA, der Kommission für Chancengleichheit und der Frauenbeauftragten beschlossen, sich dieser Problematik verstärkt zu widmen und diskriminierende Strukturen sukzessive abzubauen. So werden in den kommenden Wochen folgende Umstellungen in Angriff genommen: 

  1. Integration und Anerkennung aller nichtbinären Geschlechteridentitäten und Personen mit allen Varianten der Geschlechtsentwicklung durch eine Ergänzung der Optionen „divers“ und „keine Angabe“ sowie die Verwendung neutraler Anreden, Formulierungen und des Gender*Sternchens in allen universitären Korrespondenzen, Dokumenten, Formularen, Zeugnissen, Statistiken, Datenbanken und auf allen Plattformen der UdK Berlin
  2. Einführung von bis zu 50% genderneutraler Toiletten an allen Standorten der UdK Berlin Immer wieder machen inter*, trans* und nichtbinäre Mitstudierende diskriminierende und sogar gewaltvolle Erfahrungen bei der Wahl ihrer Toilette. Ein menschliches Grundbedürfnis zu stillen, darf nicht zu einer immer wieder diskriminierenden Erfahrung werden; in unserer Gesellschaft müssen alle Menschen ein diskriminierungsfreies Leben führen dürfen. Eine „Toilette für alle“ bietet den Betroffenen den nötigen Schutzraum, trägt der geschlechtlichen Vielfalt Rechnung und zu einer Kultur des Respekts und der Antidiskriminierung bei. (Wegen unterschiedlicher Bedürfnisse nach Schutzräumen sollen weiterhin Frauen*- und Männer*-Toiletten bestehen bleiben. So wird gewährleistet, dass alle Menschen ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend eine Toilette als sicheren Raum betreten können.) 
  3. Anerkennung und Integration des selbst gewählten Vornamens unter Anwendung des vom BMI anerkannten dgti-Ergänzungsausweises auf Studierendenausweisen, bei der Zulassung, im Studienverlauf, auf Zeugnissen und Diplomen. Ein Zwangs-Outing gegenüber Professor*innen und Mitstudierenden wird so aufgehoben und der psychische und emotionale Druck verringert. (Von einem Zwangs-Outing ist z.B. dann die Rede, wenn der dead name (der bei der Geburt zugewiesene, nicht mehr verwendete Name) beim Verlesen von Teilnahmelisten oder beim Vorzeigen des Studierendenausweises genannt wird, Stellungnahme der Antidiskriminierungsstelle des Bundes) Eine Studie der Universitäten Texas, British Columbia und NYU zeigt: Bei jungen trans* Menschen tritt ein deutlicher Rückgang depressiver Symptomatik sowie eine Reduktion ihres suizidalen Verhaltens um 56% ein, wenn sie in einem ihrer Lebensumfelder mit ihrem gewählten Vornamen angesprochen werden. 

Die UdK ist berlinweit die erste Universität, die diesen wichtigen Schritt geht und damit dem Vorbild zahlreicher anderer deutscher Universitäten folgt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Vorbild Schule macht. 

Denn: Universitäten sind Orte des Lernens, Räume der Entwicklung, in ihnen sollen sich Gedanken und Persönlichkeiten frei entfalten können; sie tragen deshalb eine massive Verantwortung für den Schutz ihrer Angehörigen. Dass diese Schutzräume, gerade an Kunsthochschulen, wichtig sind, damit sich alle unsere Kommiliton*innen mit Vertrauen und (angst)frei bewegen und ausprobieren können, muss hier vermutlich nicht weiter erläutert werden. 

Ich stoße mich grade selber an dem Begriff „Schutzraum“ in diesem Zusammenhang, denn eigentlich bräuchten wir natürlich mehr als das; eine uns bedingungslos schützende Gesellschaft – sodass dezidierte Schutzräume hinfällig werden können. 

Aber da sind wir noch nicht. Und dahin kommen wir auch nur, wenn wir beginnen, jahrhundertealte Denkmuster und Machtstrukturen unserer konstruierten „Mehrheitsgesellschaft“ zu erkennen, sie aufzubrechen und uns ihrer zu entledigen. 

Am Ende betrifft es uns alle. Nicht umsonst leitet sich das Wort Kommiliton*in vom lat. commilito ab: „Mitstreiter*in“ also. Miteinander für etwas streiten. Oder füreinander mitstreiten – gelegentlich vielleicht sogar über etwas streiten, im Sinne eines konstruktiven Streits in Kunst und Wissenschaft – all das geht nur in einem Klima des Vertrauens und gegenseitigen Respekts. 

Diskriminierungsherde sind aber weiterhin da – vielen Nichtbetroffenen bleiben sie auf den ersten Blick verborgen; viele Betroffene sind direkt mehrfach betroffen. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Ableismus, Klassismus, Ageismus – die Liste ist lang und nicht mit dreieinhalb Forderungen zur Gendergerechtigkeit abzuhaken. Denn solange auch nur eine einzige Person innerhalb jeweiliger Strukturen Diskriminierung(en) erfährt, ist schützender Raum nicht in ausreichendem Maße gegeben. 

In diesem Sinne: Wir danken dir, UdK Berlin, für diesen Schritt in die richtige Richtung. Das hier ist ein Anfang. Aber, UdK, es geht weiter – versprochen? Wir hören uns ganz bald wieder! 



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The General Equal Treatment Act (AGG) is the uniform central body of regulations in Germany for the implementation of four European anti-discrimination directives. For the first time, a law was created in Germany that comprehensively regulates protection against discrimination.

Imagination of a gender system that consists of only two categories, male and female. Assignment beyond which is only allowed, if at all, only as a deviation from the norm – hides the following: gender, sex, desire, performance.

Differences in values, attitudes, cultural perspective, beliefs, ethnic backgrounds, sexual orientation, gender identity, abilities, knowledge and life experiences of each individual in each group of people should be considered and overcome within the university.

The concept according to Birgit Rommelspacher assumes that there is a system of hierarchies, rule and power in which the various racist, sexist and other forms of government intertwine. In this interconnectedness, a dominant group has the power, which is socially negotiated again and again.

the personal idea of one‘s own gender and one‘s own gender role. Within society, gender is the concept according to which we classify various ideas such as social status, gender presentation, role in society, life planning and sexuality into the gender categories.

Discrimination based on the organisational actions of institutions. Institutional discrimination is not present in society as a whole.

In order to gain a comprehensive understanding of discrimination, its individual forms of discrimination must not be considered independently of each other, as they are interrelated.

Discrimination based on the value of economically and educationally unequally strong classes. This is related to discrimination and stigmatisation based on actual or assumed educational status and social inclusion. Thus, the inferior classes in the hierarchy are problematised and stereotyped.

Culturally argued racism is directed against people who, regardless of whether they actually practice one culture or religion (e.g. Islam, Judaism) and how religious they are. (e.g. anti-Muslim racism (AMR) and anti-Semitism)

Describes a displacement of minorities to the social fringe. As a rule, marginalised groups do not correspond to the norm-oriented majority of society and are severely restricted in their ability to act.

Describes the basic assumption that thinking and brain structures function individually. A medical norm and the disease mongering of everything supposedly divergent is called into question.

Discrimination based on ones ethnic roots.

The conceptual distinction between gender as a biological fact (sex) on the one hand and as a product of cultural and social processes (gender) .

Any form of discrimination against people on the basis of their (attributed or supposed) sex and the ideology underlying these phenomena.

A person‘s sexual orientation describes which sex a person feels emotionally, physically and/or sexually attracted to.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (environments and classes), e.g. Educational biography, social inclusion. Values are constructed.

System of socio-cultural values and norms into which one is born (milieus and classes). e.g. Educational status and social inclusion. Values are constructed.

Discrimination of social subgroups based on the nature of the structure of society as a whole.

This term is not a self-designation, but a description of a reality of people who do not experience racism. white is written in small italics and reveals privileges, which are often not named as such. So the term is not about skin shades, but about the visualisation of different access to social resources.

Negative assessment of body and mind due to abilities and skills. An evaluation pattern based on a supposed biological (physical and / or mental) norm.

Discrimination e.g. in everyday life and law based on unequal power relationships between adults, children, adolescents and young people.

Skills and abilities are questioned and rated due to ones age.

Cis or cis-gender refers to people who identify with the gender assigned to them at birth. If this were not named, trans * would always be marked as the deviation of a given norm.

This term focuses on how people observe, (re-)produce and make gender relevant in everyday life.

Inter * are persons born with physical characteristics that are medically considered to be „sexually ambiguous“. The generic term Inter * has evolved from the community, and refers to the diversity of intersex realities and physicalities as an emancipatory and identitarian umbrella term.

Is a self-designation to unite people affected by racism and to fight together against power relations such as racism.

In English, ‚queer‘ was used as an insult for a long time. In the meantime, however, the term is usually used positively as a self-designation and describes the breaking out of the two-gender order as well as heteronormative concepts of life.

Reciprocal interactions as a multi-dimensional approach between the university and the non-university environment, which also includes the cultural, social and political dimensions on an equal footing.

A superficial gesture to include minority members. It is intended to create an appearance of inclusion and to divert allegations of discrimination by requiring a person to be representative of a minority.

„Trans“ is a Latin prefix, meaning beyond and refers to people who do not identify with the gender assigned to them at birth. The self-designation is not an identity feature that automatically indicates whether this person identifies with a different gender, gender or multiple genders. Thus, there are several trans identities.