{"id":2252,"date":"2023-01-05T13:31:14","date_gmt":"2023-01-05T12:31:14","guid":{"rendered":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/?p=2252"},"modified":"2023-01-05T16:52:02","modified_gmt":"2023-01-05T15:52:02","slug":"alles-ist-dildo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/alles-ist-dildo\/","title":{"rendered":"&#8221;Alles ist Dildo!&#8221;"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2252\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><h2 class=\"wp-block-heading\"><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Uber_die_Verschiebung_der_Sexualitat\"><\/span>\u00dcber die Verschiebung der Sexualit\u00e4t<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-intro-paragraph\" style=\"font-size:17px\">Im Lektu\u0308reseminar \u201eQueer-feministische A\u0308sthetik\u201c fragen Paul B. Preciado und ich uns, ob Dildos, die einige Feministinnen als ku\u0308nstliche Nachbildungen des Penis und damit Symbole der patriarchalen Hegemonie bezeichnen, nicht eigentlich das exakte Gegenteil sind: inha\u0308rent queere Objekte, die sexuelle Machtstrukturen verschieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-small-font-size\">Schriftliche Ausarbeitung des Referats vom 20.05.2022 \u00fcber \u201eDie Logik des Dildos oder die Scheren Derridas\u201c in Paul B. Preciado: Kontrasexuelles Manifest. Berlin: b\u2014books 2003. Entstanden im Lekt\u00fcreseminar \u201eQueer-feministische \u00c4sthetik\u201c im Fachgebiet \u201eGeschichte und Theorie der visuellen Kultur\u201c an der Fakult\u00e4t Gestaltung der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin, betreut durch Prof. Dr. Kathrin Peters.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-intro-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"853\" height=\"1280\" src=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5617_bea-2-unzensiert.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2306\" srcset=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5617_bea-2-unzensiert.png 853w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5617_bea-2-unzensiert-100x150.png 100w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5617_bea-2-unzensiert-768x1152.png 768w\" sizes=\"(max-width: 853px) 100vw, 853px\" \/><figcaption>(c) Laura Thiele, 2022<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-medium-font-size\"><br><strong>Queer-feministische \u00c4sthetik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Strukturelle Diskriminierung und Benachteiligung beschr\u00e4nkt sich nicht auf \u00f6ffentliche und private R\u00e4ume, sondern ist auch im professionellen Umfeld f\u00fcr viele Menschen t\u00e4gliche Realit\u00e4t. Die Design- und Kunstwelt wurde &#8211; wie viele andere Bereiche der Gegenwart &#8211; innerhalb der patriarchalen Hegemonie konstruiert. Historisch gewachsene Regeln und Normen der Kunst und Gestaltung, sowie ihrer Rezeption orientieren sich an m\u00e4nnlich konnotierten F\u00e4higkeiten und Vorstellungen. Gestaltende mussten sich in vergangenen Jahrhunderten &#8211; insofern sie auf wirtschaftlichen Erfolg und Anerkennung hofften &#8211; entweder mit vorherrschenden Ideen identifizieren und ihre Regeln anerkennen oder sind der Kunstwelt g\u00e4nzlich fern geblieben.<sup>1<\/sup> Sich im 21. Jahrhundert in der Branche als nicht-cis-m\u00e4nnliche:r Gestalter:in zu behaupten, ist noch immer eine t\u00e4gliche Aufgabe, die herausfordert und pers\u00f6nliche feministische Positionierungen ins Wanken bringen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Da weibliche K\u00fcnstlerinnen weder in Museen, noch in Auktionsh\u00e4usern ann\u00e4hernd so stark repr\u00e4sentiert sind wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen, sah sich das britische Auktionshaus Sotheby\u2019s im Fr\u00fchsommer 2021 berufen, die Online-Auktion \u201e(Women) Artists\u201c anzubieten, um weiblicher Kunst der vergangenen 400 Jahre eine dezidierte Platform zu geben und K\u00fcnstlerinnen der Gegenwart zu f\u00f6rdern.<sup>2<\/sup> Marina Abramovi\u0107 konstatiert eine in der Branche herrschende \u201esehr gro\u00dfe Ungerechtigkeit, da die Arbeiten von weiblichen K\u00fcnstlerinnen unter ihrem Wert angeboten\u201c<sup>3<\/sup> werden. Dennoch nutzen Kunstschaffende und Gestaltende das Potenzial visueller Kultur &#8211; nicht nur als individuelle Ausdrucksform, sondern auch als Instrument im Kampf gegen Diskriminierung und Ausbeutung. Sich dabei von bestehenden normativen Vorstellungen zu l\u00f6sen, stellt eine besondere Herausforderung dar.     <\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-white-background-color has-background\" style=\"font-size:14px\">\u201eIm Film und in der Kunst m\u00fcssen wir auch eine Sprache finden, die uns angemessen ist, die nicht schwarz oder wei\u00df ist.\u201c<sup>4<\/sup> &#8211; Chantal Akerman<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Das Lekt\u00fcreseminar \u201eQueer-feministische \u00c4sthetik\u201c im Fachgebiet \u201eGeschichte und Theorie der visuellen Kultur\u201c an der Fakult\u00e4t Gestaltung der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin besch\u00e4ftigt sich mit der wechselseitigen Beziehung von Gestaltung und gesellschaftspolitischem Kontext. Wann ist Gestaltung feministisch, wann queer? Was macht queer-feministische \u00c4sthetik formal aus und wer ist in der Lage, sie zu produzieren? Wer wird abgebildet und wer nicht? Kann sich Gestaltung, die in einer patriarchal dominierten Welt entsteht, \u00fcberhaupt von ihr l\u00f6sen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-white-background-color has-background\" style=\"font-size:14px\">\u201eDie M\u00f6glichkeit einer anderen Erfahrung und Wahrnehmung der Weiblichkeit durch Frauen wurde als Infragestellung und indirekte Gef\u00e4hrdung m\u00e4nnlichen Kunstschaffens h\u00e4ufig schon mit einbezogen.\u201c<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Der bin\u00e4ren Norm folgend, bezieht Feminismus traditionell eine oppositionelle Haltung zur patriarchalen Hegemonie, was diese &#8211; zum Leid aller feministischen Bewegungen &#8211; st\u00e4ndig wiederholt und erh\u00e4lt. Die Literaturwissenschaftlerin Teresa de Lauretis setzt in den sp\u00e4ten 1980er und 1990er Jahren in der sog. \u201eQueer Theory\u201c nicht nur unterschiedliche Diskriminierungsformen miteinander in Bezug und leistet damit einen ma\u00dfgeblichen Beitrag zum intersektionalen Feminismus<sup>6<\/sup>, sondern beschreibt auch eine Kultur, die sich aus den Eigenschaften und Handlungen ihrer Mitglieder positiv konstituiert und nicht alleinige Gegenhaltung ist.<sup>7<\/sup> Queerness funktioniert nur in der Selbstzuschreibung und definiert sich nicht durch klare Abgrenzungen, weshalb die inhaltliche Bedeutung des Begriffs immer wieder neu verhandelt werden kann und muss. Queer ist keine Opposition, ist nicht anti, sondern fluid und pluralistisch. Doch auch wenn in der nicht-bin\u00e4ren Theorie keine gegen\u00fcberliegende Seite existiert, auf der ein Gegner verortet werden k\u00f6nnte, existiert er trotzdem auch in der Queer Theory: das Patriarchat.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-medium-font-size\"><strong>Angst vor dem Dildo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Symbol des Patriarchats und der M\u00e4nnlichkeit im Allgemeinen ist unumstritten der Penis. Kein anderes menschliches oder nicht-menschliches Organ ist so stark aufgeladen mit Inhalten, wird stolz gezeigt, schamhaft versteckt, auf Schultische gekritzelt, als Foto verschickt, beneidet oder verschm\u00e4ht. Der Penis ist das prunkvolle Siegelwappen der patriarchalen Vorherrschaft und zeitgleich das sensibelste Glied im organischen maskulinen Kettenhemd. Dass einige Lesben und andere Feministinnen daher Dildos, die in ihren Augen k\u00fcnstliche Nachbildungen des Penis sind, ablehnen, \u00fcberrascht also kaum. Sie bef\u00fcrchten die (Wieder-)Einf\u00fchrung m\u00e4nnlicher Vorherrschaft in ihre durch und durch feminine Sexualit\u00e4t. In den 1990er Jahren boykottierten einige feministische Buchl\u00e4den in London den Verkauf von Del LaGrace Volcanos \u201eLove Bites\u201c, einer Sammlung von Fotografien, in denen u.a. eine Lesbe zu sehen ist, die einen Dildo leckt.<sup>8<\/sup> Penetration? Ja bitte! Aber mit lesbischen Fingern, die fest mit dem lesbischen K\u00f6rper verwachsen sind!<br><br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"826\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/dellagrace-volcano.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2267\" srcset=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/dellagrace-volcano.png 826w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/dellagrace-volcano-121x150.png 121w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/dellagrace-volcano-768x952.png 768w\" sizes=\"(max-width: 826px) 100vw, 826px\" \/><figcaption>Del LaGrace Vocano: \u201eHermaphrodyke\u0301\u201c (1995) in \u201eSublime Mutations\u201c, Tu\u0308bingen, konkursbuch, 2000.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Nicht zu leugnen ist, dass Sextoys sich im Allgemeinen einer gro\u00dfen Beliebtheit erfreuen. Laut einer repr\u00e4sentativen Studie der Technischen Universit\u00e4t Ilmenau, nutzen 52% der heterosexuellen Befragten zwischen 18 und 69 Jahren Sextoys mit Partner:innen. Bei der Masturbation sind es 72% der Frauen und 31% der M\u00e4nner.<sup>9<\/sup> Nicht repr\u00e4sentative Studien legen nahe, dass die Zahlen unter queeren Personen nicht etwa geringer, sondern noch h\u00f6her sind. Genaue Ergebnisse und wissenschaftliche Auseinandersetzungen bleiben jedoch aus. Der Zugang zum Dildo ist auch im wissenschaftlichen Kontext holprig und schambehaftet. Obwohl die Vorstellung von Paul Beatriz Preciados Text \u201eDie Logik des Dildos oder die Scheren Derridas\u201c, der Teil des \u201eKontrasexuellen Manifests\u201c ist, im Lekt\u00fcreseminar \u201eQueer-feministische \u00c4sthetik\u201c durch mitgebrachte Objekte, Websites und humoristische Illustrationen niedrigschwellig und zwanglos gestaltet wurde, war die Beteiligung unter den Teilnehmenden eher gering und die Grundstimmung unsicher und angespannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Preciado denkt \u00fcber die Bedeutung des Dildo nach und fragt: \u201eWas ist ein Dildo?\u201c<sup>10<\/sup> Bildet der Dildo patriarchale Machtstrukturen im queeren Kontext ab? Ist er Projektion des maskulinen Begehrens auf die weibliche Sexualit\u00e4t? Welche Rolle spielt dabei seine \u00c4sthetik und die Perspektive, aus der er betrachtet wird?<br><br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1350\" height=\"1080\" src=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Seminar.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2271\" srcset=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Seminar.png 1350w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Seminar-150x120.png 150w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Seminar-768x614.png 768w\" sizes=\"(max-width: 1350px) 100vw, 1350px\" \/><figcaption>(c) Mattia Friso: Referat im Seminar &#8220;Queer-feministische A\u0308sthetik&#8221;, 2022.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Preciado beschreibt im Text \u201eDie Logik des Dildos oder die Scheren Derridas\u201c eine Szene aus Sheila MacLaughlins Film \u201eShe Must Be Seeing Things\u201c (1987), in der sich die Protagonistin Agatha in einen Sex-Shop begibt, um einen realistischen Dildo zu kaufen. Sie glaubt ihrer Geliebten damit zu gefallen. Beim Anblick des Dildo erkennt sie das zwischen M\u00e4nnern und Frauen herrschende Ungleichgewicht im Zugang zu Sexualit\u00e4t: aufblasbare Puppen &#8211; Nachbildungen des gesamten weiblichen K\u00f6rpers &#8211; stehen Dildos &#8211; in ihren Augen plumpe Penis- Mimesen &#8211; gegen\u00fcber. W\u00e4hrend m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t durch den weiblichen K\u00f6rper in seiner Ganzheit angesprochen wird, soll die weibliche Sexualit\u00e4t durch den Penis bzw. seine Nachbildung angeregt werden. Agatha entscheidet sich schlie\u00dflich gegen den Kauf eines Dildos, dessen blo\u00dfer Anblick ihr zur Einsicht dieses Machtgef\u00e4lles verholfen hat. Vielleicht bef\u00fcrchtet sie, dass das sexuelle Begehren ihrer Partnerin sich mit Verwendung des Dildos nur noch auf diesen beschr\u00e4nke und Agathas K\u00f6rper fortan ausschlie\u00dfe. Preciado stellt fest, dass sich Agathas Sichtweise in diesem Moment der Konfrontation lesbischer Sexualit\u00e4t mit Heterosexualit\u00e4t durch den Dildo ver\u00e4ndert und verweist auf Lauretis, die im Dildo einen kritischen, jedoch keinen praktischen Wert erkenne.<sup>11<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Sowohl Agathas Erkenntnis, als auch Lauretis\u2019 Analyse bauen auf der Annahme auf, dass \u201ejeder Hetero-Sex [&#8230;] phallisch und jeder phallische Sex [&#8230;] hetero\u201c<sup>12<\/sup> sei: wenn zwischen Mann und Frau die Penetration durch den Penis ausbleibt, k\u00f6nne &#8211; egal wie intensiv die physische Auseinandersetzung ansonsten sein mag &#8211; nicht von Sex gesprochen werden. Sobald zwischen Personen ohne Penis penetrative sexuelle Handlungen stattfinden, sei die Referenz zum imaginierten Penis und damit dem Mann und damit dem Patriarchat hergestellt. Im angenommenen phallozentrischen Schema steht der Penis im Mittelpunkt jeglicher Sexualit\u00e4t und sexueller Handlungen. Neben zwischenmenschlichen Interaktionen, wird auch der singul\u00e4re weibliche K\u00f6rper durch die Abwesenheit des Penis definiert. Die Misogynie dieses Denkmodells liegt auf der Hand. Lauretis bringt den Sachverhalt passend auf den Punkt: \u201eWeibliche Sexualit\u00e4t wurde stets im Gegensatz und in Bezug auf m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t definiert.\u201c<sup>13<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Durch die Kombination von Phallozentrik und Verwechslung des Penis mit der ihm zugeschriebenen patriarchalen Macht, ergeben sich sowohl f\u00fcr den Penis, als auch f\u00fcr den Dildo und letztlich die Sexualit\u00e4t selbst fatale Urteile. Diese Kette von Fehlannahmen zur\u00fcckzuverfolgen, neu aufzuziehen und den eigentlichen Wert des Dildo zu erkennen, erscheint Preciado angebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-white-background-color has-background\" style=\"font-size:14px\">\u201eDer Phallus ist nur eine Hypostasierung des Penis. Wie bei der Geschlechtsfeststellung intersexueller Babies deutlich wird, ist in der symbolischen heterosexuellen Ordnung der Signifikant par excellence nicht der Phallus sondern der Penis.\u201c<sup>14<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Schlie\u00dflich enttarnt der Dildo den Penis und befreit ihn damit vom Gewicht des Phallus. Er offenbart, dass die assoziierte Macht eben kein angewachsenes Recht ist, sondern an jedem beliebigen K\u00f6rper(-teil) umgeschnallt oder angesaugt werden kann. Sie ist ein Zepter, das beliebig von Hand zu Hand weitergereicht wird. \u201eDer Dildo erscheint als exakte Nachahmung des Penis, bleibt aber vom m\u00e4nnlichen K\u00f6rper abgetrennt.\u201c<sup>15<\/sup> Es klingt wie das Horrorszenario eines jeden Mannes: das Glied ist abgetrennt und wird mal hier, mal dort benutzt, abgelegt oder im kochenden Wasser sterilisiert. Trotzdem ist es voll funktionsf\u00e4hig &#8211; oder sogar noch praktikabler als der organische Referent. Kontrolle und Macht sind nicht angeboren, sondern werden egalit\u00e4r weitergereicht und nach Lust und Laune eingesetzt. Preciado betont, dass jede:r einen Dildo benutzen und so genderbezogene phallische Machtstrukturen verschieben und in Frage stellen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Vielleicht ist die Angst vor dem Dildo genau deshalb so gro\u00df. Die Anerkennung des Dildo als effektiver sexueller Technologie w\u00fcrde dem oder der Besitzer:in eines Penis vor Augen f\u00fchren, dass ihr bestes St\u00fcck eben nur eines ist: ein sensibles Organ. Aber soll diese Erkenntnis nun als Degradierung verstanden werden oder k\u00f6nnte die Anerkennung seiner einzigartigen organischen F\u00e4higkeiten und die gleichzeitige Akzeptanz der technischen M\u00f6glichkeiten des Dildo nicht eine Chance sein, die sowohl der Lesbe, als auch dem Hetero-Mann, als auch jeder anderen Person und ihrer Sexualit\u00e4t zugute k\u00e4me?<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"853\" src=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Dildo3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2270\" srcset=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Dildo3.png 1280w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Dildo3-150x100.png 150w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Dildo3-768x512.png 768w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><figcaption>(c) Laura Thiele, 2022.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-medium-font-size\"><strong>Kontra-Sexualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-white-background-color has-background\" style=\"font-size:14px\">\u201eThe first twelve years or so I was very busy with trying to turn men on. [&#8230;] and then after that it was like turn on other kinds of people, but not just in the genitals, but more the mind, the intellect, [&#8230;] make them laugh, make them think, help them to learn something new\u201c &#8211; Annie Sprinkle<sup>16<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Wahre Gleichberechtigung kann in jedem noch so kleinen Winkel des gesellschaftlichen Alltags nur bestehen, wenn sie auch dort Realit\u00e4t ist, wo K\u00f6rper im vermeintlich Privaten und Intimen aufeinandertreffen: beim Sex. Tabus, Scham und Unsicherheit bieten den N\u00e4hrboden f\u00fcr Gewalt und Missbrauch. Preciados Beitrag zu Gleichberechtigung, f\u00fcr die eine gesunde Sexualit\u00e4t unerl\u00e4sslich erscheint, ist das Konzept der \u201eKontra-Sexualit\u00e4t\u201c. Sie handelt \u201evom Ende der Natur, die als Ordnung verstanden wird und die Unterwerfung von K\u00f6rpern durch andere K\u00f6rper rechtfertigt\u201c<sup>17<\/sup>. Preciado sieht Individuen nicht mehr als Mann oder Frau, sondern als Subjekte, die zu allen signifizierenden Praktiken gleicherma\u00dfen Zugang haben und untereinander gleichwertig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Der Dildo sei das Werzeug der \u201esystematischen Dekonstruktion sowohl der Naturalisierung der sexuellen Praktiken als auch der Geschlechterordnung\u201c<sup>18<\/sup>. Dabei geht Preciado so weit, den Dildo als \u201eUrsprung des Penis\u201c<sup>19<\/sup> zu bezeichnen. Diese Umkehrung der eingangs beschriebenen Annahme, der Dildo sei eine Nachahmung des Penis, begr\u00fcndet Preciado mit dem was Derrida als \u201egef\u00e4hrliches Supplement\u201c bezeichnet. Das Supplement, vereinfacht \u00fcbersetzt als \u201eErg\u00e4nzung\u201c oder \u201eZugabe\u201c, f\u00fcgt sich etwas hinzu oder setzt sich an die Stelle von etwas, zeigt aber auch die L\u00fccke an, die es f\u00fcllt. Der Dildo als Supplement vervollst\u00e4ndige und produziere den Sex und damit auch den Penis.<sup>20<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Derrida schreibt: \u201edas Supplement, ob es hinzugef\u00fcgt oder substituiert wird, [ist] \u00e4u\u00dferlich, d.h. \u00e4u\u00dferliche Erg\u00e4nzung oder Ersatz [&#8230;]; es liegt au\u00dferhalb der Positivit\u00e4t, der es sich noch hinzuf\u00fcgt, und ist fremd gegen\u00fcber dem, was anders sein mu\u00df als es selbst, um von ihm ersetzt zu werden.\u201c<sup>21 <\/sup>Der Dildo bleibt au\u00dferhalb des organischen K\u00f6rpers und ihm damit immer fremd. Er ist eine menschgemachte Maschine, die dem Penis nicht fremder sein k\u00f6nnte, obwohl er sich auf paradoxe Weise an ihm orientiert. Da er nie nur Substitut ist und im Substitut-Sein nicht aufgeht, sondern mehr ist, \u00fcbersteigert er sich fortlaufend selbst. Er zieht die Autorit\u00e4t seines Referenten ins L\u00e4cherliche und widersetzt sich damit heteronormativem Sex.<sup>22<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Preciado stellt fest: \u201eDer Dildo ist kein Objekt, das sich an die Stelle eines Mangels setzt.\u201c<sup>23<\/sup> Bislang galten die Genitalien als Zentrum der Sexualit\u00e4t. Der Dildo verschiebt dieses Zentrum hin zu anderen Stellen des K\u00f6rpers und hin zu Objekten au\u00dferhalb des K\u00f6rpers, die durch den Dildo (re-)sexualisiert werden. Die Dezentrierung, die der Dildo ausl\u00f6st birgt die Chance, den gesamten Raum, \u00fcber den K\u00f6rper hinaus, in m\u00f6gliche Zentren umzuwandeln, bis der Begriff des Zentrums seinen Sinn verl\u00f6re.<sup>24<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-white-background-color has-background\" style=\"font-size:14px\">\u201eDie Verdr\u00e4ngung der Penetration aus dem Mittelpunkt des sexuellen Geschehens bleibt eine Aufgabe, der wir uns auch heute noch zu stellen haben\u201c<sup>25<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default\" style=\"font-size:14px\">Der Dildo destabilisert die sexuelle Identit\u00e4t der Person, die ihn tr\u00e4gt und restrukturiert damit auch das Verh\u00e4ltnis zwischen innen und au\u00dfen, passiv und aktiv, zwischen dem nat\u00fcrlichen Organ und der Maschine.<sup>26<\/sup> Der Dildo ist nicht-bin\u00e4r. Er konstituiert Sexualit\u00e4t positiv und ist somit im doppelten Sinne und inh\u00e4rent queer.<br><br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"852\" height=\"1280\" src=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5496_bea-2-unzensiert.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2307\" srcset=\"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5496_bea-2-unzensiert.png 852w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5496_bea-2-unzensiert-100x150.png 100w, https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MG_5496_bea-2-unzensiert-768x1154.png 768w\" sizes=\"(max-width: 852px) 100vw, 852px\" \/><figcaption>(c) Laura Thiele, 2022<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"is-style-more-info-paragraph\">Laura Thiele (Sie\/ihr) studiert visuelle kommunikation an der universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin und bewegt sich in ihrer gestalterischen Arbeit im Spannungsfeld zwischen Raum, K\u00f6rper und Gesellschaft. Sie ist stellv. Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Fakult\u00e4t Gestaltung.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-intro-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-small-font-size\"><sup>1<\/sup> Vgl. Silvia Bovenschen: \u00dcber die Frage: gibt es eine \u201eweibliche\u201c \u00c4sthetik?, in: \u00c4sthetik und Kommunikation, Beitr\u00e4ge zur politischen Erziehung, Heft 25, Jahrgang 7, Berlin, 1976, S. 61<br><sup>2<\/sup> Vgl. Sotheby\u2019s: (Women) Artists, 2021, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/sothebys.com\/en\/buy\/auction\/2021\/women-artists\" target=\"_blank\">https:\/\/sothebys.com\/en\/buy\/auction\/2021\/women-artists<\/a> (abgerufen am 09.09.2022)<br><sup>3<\/sup> Amah-Rose Abrams: Marina Abramovi\u0107: A Woman\u2019s World, 2021, <a href=\"https:\/\/sothebys.com\/en\/articles\/marina-abramovic-a-womans-world\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/sothebys.com\/en\/articles\/marina-abramovic-a-womans-world <\/a>(abgerufen am 09.09.2022)<br><sup>4<\/sup> Chantal Akerman. Interview mit Claudia Aleman in: Frauen und Film, Nr. 7, Berlin, 1976, zitiert nach Silvia Bovenschen: \u00dcber die Frage: gibt es eine \u201eweibliche\u201c \u00c4sthetik?, in: \u00c4sthetik und Kommunikation, Beitr\u00e4ge zur politischen Erziehung, Heft 25, Jahrgang 7, Berlin, 1976, S.63. <br><sup>5<\/sup> Bovenschen: 1976, S. 68.<br><sup>6<\/sup> Dieser Begriff geh\u00f6rt heutzutage zur Grundausstattung eines jeden queeren Tinder-Profils.<br><sup>7<\/sup> Vgl. Teresa de Lauretis: Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities, An Introduction, in: Differences: A Journal of Feminist Cultural Studies, Heft 3.2, Providence, 1991, S. 11.<br><sup>8<\/sup> Vgl. Paul B. Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin, b_books, 2003, S. 54. <br><sup>9<\/sup> Vgl. Nicola D\u00f6ring &amp; Sandra Poeschl: Experiences with Diverse Sex Toys Among German Heterosexual Adults: Findings From a National Online Survey, The Journal of Sex Research, 2020<br><sup>10<\/sup> Preciado: 2003, S. 53.<br><sup>11<\/sup> Vgl. Preciado, 2003, S. 57.<br><sup>12<\/sup> Preciado, 2003, S. 58.<br><sup>13<\/sup> Teresa de Lauretis: Die Technologie des Geschlechts, in: Elvira Scheich (Hg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie Hamburg (Hamburger Edition) 1996, S. 468.<br><sup>14<\/sup> Preciado, 2003, S. 59. <br><sup>15<\/sup> Ebd. S. 61.<br><sup>16<\/sup> Virginie Despentes: Mutantes &#8211; Annie Sprinkle Interview, 2018, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/youtu.be\/Bdl5xscdC_0\" target=\"_blank\">https:\/\/youtu.be\/Bdl5xscdC_0<\/a> (abgerufen am 01.09.2022), 05:02-05:26<br><sup>17<\/sup> Preciado, 2003, S. 10. <br><sup>18<\/sup> Ebd. S. 11.<br><sup>19<\/sup> Ebd. S. 12.<br><sup>20<\/sup> Vgl. ebd. S. 62.<br><sup>21<\/sup> Jacques Derrida: Grammatologie, Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1974, S. 251 <br><sup>22<\/sup> Vgl. Preciado, 2003, S. 62.<br><sup>23<\/sup> Ebd. S. 61.<br><sup>24<\/sup> Vgl. ebd. S. 65.<br><sup>25<\/sup> Lucy Bland: The Domain of the Sexual. A Response. in: Screen Education, Heft 39, S.56, 1981, zitiert nach Teresa de Lauretis: Die Technologie des Geschlechts, in: Elvira Scheich (Hg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie<br>Hamburg (Hamburger Edition) 1996, S. 469.<br><sup>26<\/sup> Vgl. Preciado, 2003, S. 67.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default has-small-font-size\"><br><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Lekt\u00fcre von Paul B. Preciados &#8220;Die Logik des Dildos oder die Scheren Derridas&#8221; im Seminar \u201eQueer-feministische A\u0308sthetik\u201c fragt sich Laura Thiele, ob Dildos, die einige Feministinnen als ku\u0308nstliche Nachbildungen des Penis und somit Symbol der patriarchalen Hegemonie bezeichnen, nicht eigentlich das exakte Gegenteil sind: inha\u0308rent queere Objekte, die sexuelle Machtstrukturen verschieben.<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":2306,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"single-no-thumb.php","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[13,4,1,11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2252"}],"collection":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2252"}],"version-history":[{"count":48,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2314,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2252\/revisions\/2314"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}