{"id":1145,"date":"2021-08-30T16:37:16","date_gmt":"2021-08-30T14:37:16","guid":{"rendered":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/?p=1145"},"modified":"2021-08-31T09:44:53","modified_gmt":"2021-08-31T07:44:53","slug":"nicht-zur-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/nicht-zur-debatte\/","title":{"rendered":"Rassismuserfahrungen stehen nicht zur Debatte"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Oder: Nieder mit dem Advocatus Diaboli<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einer Person of Colour begegnen ein Leben lang <em>wei\u00dfe <\/em>Menschen, die auf unterschiedliche Weise \u00fcber das Thema Rassismus reden wollen. Eine Form, die mir besonders h\u00e4ufig begegnet und durch ihre t\u00fcckische Beil\u00e4ufigkeit auff\u00e4llt, ist eine m\u00e4nnlich kodierte Position des Bescheidwissens oder des Mansplainings: genauer die des<em> wei\u00dfen<\/em> Mannes, der gerne Advocatus Diaboli, den Anwalt des Teufels, spielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen und die Lebensrealit\u00e4t von Betroffenen werden von ihm als rein theoretisches Gedankenexperiment behandelt \u2013 denn diese Probleme sind f\u00fcr den Au\u00dfenstehenden nur theoretisch, nicht realistisch erfassbar. Es macht ihm Spa\u00df, \u00fcber die Rechte und Existenzen von PoC zu diskutieren: \u201eLasst uns dar\u00fcber sprechen, warum euer Existenzkampf diskutabel ist.\u201c Die tats\u00e4chlichen Probleme sind f\u00fcr ihn wie ein Spielball, denn sie betreffen ihn nicht. Er kann es sich leisten, sich munter \u00fcber Definitionen von Rassismus zu \u00e4u\u00dfern, denn er erf\u00e4hrt die M\u00fcdigkeit, die emotionale Arbeit, das Trauma und die Diskriminierung hinter dem Begriff nicht am eigenen Leib.<\/p>\n\n\n\n<p>Rassismus-Debatten werden von ihm aufgegriffen, um die eigene vermeintlich kosmopolitische Fortschrittlichkeit und Belesenheit zur Schau zu stellen. Vielleicht auch, weil er einem \u201eaktuellen Trend\u201c folgen will. Ohne Bedenken \u00fcbergeht er die Lebensrealit\u00e4ten von PoC sowie die gew\u00e4hlten Mittel, mit denen Betroffene ihre Erfahrungen kommunizieren. Aus purer (Schaden-)Freude an der Diskussion wird eine problematische Aussage in den Raum geworfen, nur um sich anschlie\u00dfend unter dem sch\u00fctzenden Mantel von \u201eZu einer Diskussion geh\u00f6ren auch Gegenmeinungen\u201c, \u201eDas darf man ja wohl noch sagen d\u00fcrfen!\u201c und \u201eMeinungsfreiheit\u201c zu verstecken. Unter diesem Deckmantel liegt die T\u00fccke des Ph\u00e4nomens: Betroffene erkennen den Typus nicht immer sofort, doch lesen die Situation als \u00e4u\u00dferst unangenehm. Wom\u00f6glich realisiert man nicht richtig, wieso man sich so herabgew\u00fcrdigt f\u00fchlt. Es ist doch nur eine wissenschaftliche Debatte, alles komplett objektiv \u2013 oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Au\u00dfenstehende am Ende ausweicht, in passiv-aggressive Defensivhaltung verf\u00e4llt und seine problematischen Aussagen als rein hypothetische oder gar wissenschaftliches Gedankenexperiment bezeichnet, geh\u00f6rt dabei zur g\u00e4ngigen Technik. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass es ihm nie darum geht, zu lernen oder das eigene Wissen zu erweitern. Ganz im Gegenteil: Er will Dinge beim Alten belassen, denn er profitiert vom aktuellen Status Quo. Das Ziel des <em>wei\u00dfen<\/em> Mannes in dieser Situation ist es, seine eigene \u00dcberlegenheit und Deutungshoheit zur Schau zu stellen. Das Wichtigste ist, dass ihm weiterhin Aufmerksamkeit geschenkt wird. Insbesondere dann, wenn er ausnahmsweise einmal nicht im Zentrum steht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was passiert also, wenn Betroffenen wieder und wieder darauf hinweisen, dass sie von diesen Gedankenexperimenten verletzt werden? Was passiert, wenn sich zahlreiche Stimmen von PoC gegen diese dem\u00fctigenden Diskussionen erheben?<\/p>\n\n\n\n<p>Leider nur wenig. Uns wird Emotionalit\u00e4t, Emp\u00f6rung und fehlende Empirie vorgeworfen, welche im krassen Gegensatz zur Wissenschaftlichkeit und Rationalit\u00e4t des reinen Beobachters st\u00e4nden. Wenn wir uns nicht auf eine Fortf\u00fchrung der Gespr\u00e4che einlassen und keine kostenlose Bildungsarbeit leisten m\u00f6chten \u2013 sei es aus Ersch\u00f6pfung, Angst, Zeitmangel, fehlenden Ressourcen oder sonstigem Grund \u2013, wird uns vorgeworfen, nicht offen zu sein und keine ertragreichen Diskussionen zu wollen. Die Schuld liegt nie bei demjenigen, der Erfahrungen in Frage stellt, sondern immer bei denjenigen, die sich nicht f\u00fcr die Evidenz ihrer traumatischen Erfahrungen rechtfertigen wollen. Das bringt mich zur Frage: Wie reden wir \u00fcber und mit Betroffenen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe diese Spielchen satt. Wer tats\u00e4chlich im Fokus stehen sollte, sind Menschen, die Rassismus erleben. Ihre Erfahrungen und Perspektiven sind viel wertvoller f\u00fcr unsere gesellschaftliche Entwicklung, als es eine polemische Debatte, ob diese Erfahrungen \u00fcberhaupt real sind, jemals sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christina S. Zhu arbeitet als Illustratorin und studiert im Master an der UdK Berlin. Sie engagiert sich f\u00fcr intersektionale Antidiskriminierung und ist Referentin f\u00fcr Antidiskriminierung des Inneren im AStA, Mitglied der studentischen Initiative I.D.A. und der AG Critical Diversity.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debattenkultur um Rassismuserfahrungen muss sich ver\u00e4ndern &#8211; auch an der UdK Berlin. Die Autorin setzt sich in diesem Rahmen mit einer spezifischen Art des Mansplainings auseinander: Eine Studie zum wei\u00dfen Mann, der gerne Advocatus Diaboli spielt.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1148,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[13,9,4,1,11],"tags":[19,17,18],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1145"}],"collection":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1145"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1155,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1145\/revisions\/1155"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/criticaldiversity.udk-berlin.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}